Hier wird eventuell ein neues Werk entstehen. Es gibt auch hier autobiographische und erdachte Züge zu erkennen, zumindest für den der mich näher und länger schon kennt. Zur Kennzeichnung einer Erweiterung bediene ich mich der Buchstaben im Titel.
DER GRAUE MANN
Winter. Es ist eiskalt, aber wirklich eiskalt. Man würde nicht einmal einen Hund vor die Türe setzen, bei dem Wetter. Der Wind bläst wie verrückt und macht es noch kälter als es schon ist und zieht das letzte Quäntchen Wärme aus der schlecht beheizten Wohnung. Das Wasser welches über die Scheiben rinnt gefriert unten zu einem Klumpen Eis. Wir schreiben 1949.
Wenn man durch die schwitzenden Fensterscheiben hinunterschaut sieht man doch vereinzelt Personen durch die Gasse huschen. Aber sonst ist nicht viel los und das wenige wird gedämpft durch den vielen Schnee der liegt und der sich links und rechts von der Strasse auftürmt, wo ihn die Hausmeister und die Schneeräumer hingeschaufelt haben.
Mir ist kalt. Kein Wunder, kurze Hose, Strickstrümpfe samt Strumpfbandgürtel und dazwischen Haut. Und kalt. Auch Opa sitzt mit dicker Weste und Schal herum und hat nichts zu tun. Er hat im wahrsten Sinne nichts zu tun, er ist arbeitslos.
Ein paar Groschen verdient er sich durch Geschäfte, durch Schuhflicken und das Reparieren von Uhren. Sehr oft wird auch mit Naturalien bezahlt. Oma ist ein Engel, sie zaubert aus den unmöglichsten Dingen noch etwas Essbares, aber oft bleibt den Erwachsenen nur der Finger um mit diesem den Teller noch auszuputzen. Mehr ist nicht da.
Ein Mädchen gibt es auch noch bei uns, die Renate. Aber die liegt noch in den Windeln.
Wenigstens die hat es warm, aber die schreit sehr oft und dann kommt Tante Erika und nimmt sie an die Brust, glaube ich. Aber man kann nichts erkennen, denn die Erwachsenen legen dem Baby immer Tücher über den Kopf, damit es ungestört trinken kann.
Ich, ich bin Kurt, liebevoll auch Kurti oder Sonnenscheinchen genannt. Ich bin bald fünf und war jetzt viele Wochen lang im Spital. Ich habe viele Kinderkrankheiten gehabt, davon viele ansteckende. Eingeliefert wurde ich mit Scharlach und hohem Fieber. Im Spital bekam ich allerhand Salben und Zäpfchen und Medikamente. Und viele Stunden bin ich da gelegen und habe geweint, denn über die 6 Wochen die ich im St. Anna Kinderspital verbrachte durfte meine Mama und Onkel Walter nicht zu mir. Die standen dann immer im Hof, wenn sie mich besuchten und winkten und schickten mir Küsschen und ich stand da oben, gehalten von einer Schwester und winkte zurück und weinte bitterlich. Dort habe ich ihn auch das erste Mal gesehen, den grauen Mann. Als ich da so gelegen bin und nicht schlafen konnte weil andere Kinder in dem Zimmer gestöhnt, geweint und gejammert haben. Und ich gebe es ja zu, ein wenig gefürchtet habe ich mich auch. Und da ist er zuerst an der Zimmerdecke und dann an der Mattscheibe der Zimmertüre erschienen. Er bewegte sich irgendwie anders, er erinnerte mich an einen Fluss, denn er bewegte sich nicht sondern er floss mehr so dahin. Mal sah man den Kopf, dann die Hände wie ein Ertrinkender über den Kopf haltend, aber es war nie eine Stimme zu hören, kein Rufen, nichts und das machte ihn so Furcht einflößend. Die einzige Stimme war die der Nachtschwester, die tröstend auf das eine oder andere Kind einsprach, manchmal auch auf mich. Und so lag ich da und wartete aufgeregt darauf, dass der graue Mann kommt.
Und auf ihn war Verlass, denn tagtäglich wenn die Lichter eingeschaltet wurden konnte man mit ihm rechnen. So auch heute und ich erschrak bis ins Mark. Ich wollte den Schneeflocken zusehen wie sie tanzten und wie der Wind sie durch die Gasse trieb und auf einmal war er wieder da, der graue Mann. Er war riesengroß und tauchte auf der anderen Straßenseite auf der Hausmauer auf. Zuerst war da nur ein heller Fleck und dann wirklich riesig, der graue Mann . Über mehrere Stockwerke war er da zu sehen und er deutete eigenartige Dinge mit den Händen. Ich spürte gar nicht wie mir schon kalt war in den Händen und hörte auch nicht, dass die Großmutter hinter mich getreten war und mit mir redete. Erst als sie ganz nah an meinem Ohr war und leise fragte: Was hast du denn da ? erschrak ich ein wenig, aber Antwort konnte ich ihr keine geben. Ich war nicht fähig zu reden, so fasziniert war ich vom Schattenmann und so gebannt starrte ich auf seine Bewegungen und ich wollte dieses Geheimnis nicht verraten, denn wer weiß sehen es die anderen auch so.
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Viel Zeit war inzwischen nicht vergangen, als ich eines Nachts in meinem Gitterbett aufwachte. Ich lag da ganz vorne am Gangfenster des Kabinetts in dem wir zu viert schliefen: Mama, Onkel Walter, Gerhard – mein kleiner Bruder und ich. Ich hatte manchmal ganz böse Träume und Mama anscheinend auch, denn sie atmete ganz schwer. Ich hörte, wie sie schwer nach Atem rang und als ich aus dem Gitterbett steigen wollte um ihr zu helfen, sah ich, dass der Onkel Walter auf ihr lag und Mama rief mir zu, ich solle mich wieder niederlegen. Ich tat es und legte mich in mein Bett und horchte in die Nacht. Da hörte ich seltsame Geräusche im Haus, die ich nicht zuordnen konnte. Fallweise war es eine Klosetttüre, manchmal auch Wasser, welches von einer Bassena entnommen wurde. Aber viele Geräusche konnte ich nicht zuordnen und mir wurde bange und so zog ich mir die Decke über den Kopf, da ich mich fürchtete. Auch Mama begann wieder schwer zu atmen.
Plötzlich Lärm und ein Lichtschein, der von draußen durch das Fenster drang. Aber an Hand der Stimme wusste ich sofort das war der Hansi, der Sohn unserer Nachbarin und er war wieder einmal betrunken. Und … er war nicht alleine, der graue Mann begleitete ihn und so wie er wankte, wankte auch der Schattenmann der ihn begleitete und wahrscheinlich stützte. Ich hörte wie der Hansi am Schloss herumwerkte und fluchte, da er nicht in das Schlüsselloch fand und anscheinend zu lange, denn die Mutter war aufgewacht und öffnete, empfing ihn mit einer Schimpfkanonade und dann wurde die Tür ins Schloss geschlagen und man hörte nur mehr gedämpftes Gemurmel. Bald darauf wurde die Tür wieder geöffnet und der Hansi ging aufs Klosett. Alle Geräusche und Töne bekam ich da im Detail mit, selbst das Rascheln des Zeitungspapiers und das Spülen mit dem Eimer. Dann rülpste er noch laut und fluchte über seine Mutter und ging wieder zurück in die Wohnung. Anscheinend war inzwischen die Tür zugefallen, denn wie ich mitbekommen konnte, rannte er gegen diese und mit lautem Gezeter und Fluchen öffnete er sie um dann endlich dahinter zu verschwinden.
Ich hatte ganz glühende Wangen bekommen vor lauter Aufregung und schlief bald darauf ein. Am Morgen hörte ich nur wie die Nachbarin unserer Großmutter erzählte, dass ihr Bub wieder einmal stockbesoffen nach Hause gekommen war und den ganzen Lohn versoffen hatte und ob ihr die Frau Siegert, denn nicht ein Stück Brot borgen konnte. Sie konnte.
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Großmutter kam eines Tages vom Einkaufen nach Hause und weinte. Natürlich fragte ich sie, was denn los sei und sie sagte mir, der Herr Novotny ist gestorben. Was ist gestorben ? war darauf meine Frage und sie fing noch mehr zu weinen an, da ließ ich meine Frage im Mund stecken.
Aber wie Kinder halt so sind, ging ich später dann auf den Gang und schaute vom Gangfenster hinunter zur Wohnung von den Novotnys. Sie wohnten im ersten Stock, alle Fenster hofseitig. Und wie ich mich so vorbeugte, die Füße hatten schon vom Boden abgehoben, da war er auf einmal wieder, der graue Mann. Ich erschrak sehr heftig und doch wollte ich mehr wissen. Also ging ich zum Stiegenhaus und ein paar Stiegen hinunter, denn da waren auch noch Fenster von denen man in den Hof und auch in die Wohnung der Novotnys sehen konnte. Ich war sehr gespannt wie denn der graue Mann aussah, endlich konnte ich ihn sehen, glaubte und hoffte ich. Auch war ich sehr aufgeregt, denn ich musste ja gleichzeitig auch aufpassen, dass nicht jemand über die Stiegen herauf oder hinunter kam und von den Novotnys wollte ich auch nicht gesehen werden.
Aber was ich wirklich sah, war viel viel schrecklicher als ich geahnt hatte, denn der Tote wurde da gerade eingekleidet und zu Sarge gebracht. Wie gebannt starrte ich auf diese gespenstische Szenerie, die da ablief. Ich machte zwar immer wieder die Augen zu, aber kaum hatte ich sie zu, musste ich sie wieder vor lauter Neugierde öffnen, denn es konnte mir ja etwas entgehen. Und dann hörte ich die Großmutter rufen: Kurti, wo bist du denn, der Opa kommt nach Hause. Na da war es Zeit sich wieder in den dritten Stock zu begeben, denn vom Opa wollte ich nicht erwischt werden, der war nämlich sehr streng. Der graue Mann war auch vergessen, so sehr schauderte mich noch lange Zeit, wenn ich an diese Szenen dachte.
Ganz komisch wurde mir, wenn mich die Grosseltern hinunterschickten etwas einzukaufen. Manchmal musste ich mir mehrmals einen Anrang nehmen, sonst wäre ich nicht vorbeigekommen im ersten Stock bei den Novotnys und selbst dann lief ich ohne nach rechts und nach links zu schauen an dem Stockwerk vorbei. Jedes Mal war ich sehr erleichtert, wenn ich daran vorbei war.
Aber das war ja nicht alles, denn ganz unten im Tiefparterre war ein dunkler Gang der zu den Kellern führte. Und aus diesem Gang kamen manchmal unheimliche stöhnende Laute. Aber so sehr ich auch schaute, wenn ich mit der Grossmutter in den Keller oder in die Waschküche ging, nie sah ich jemanden ausser ein paar Ratten und Mäuse.
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1952. Wir waren umgezogen. Aus Währing nach Favoriten, Mutti hatte zwar gar keine Freude, aber es war ein Anfang sagte sie. Sie sagte immer abschätzend Arbeiterbezirk, obwohl Onkel Walter ja auch Arbeiter war. Ich verstand das nicht, schon damals taten sich erste Abgründe zwischen meiner Mutter und mir auf. Auch hatte sie mir verboten mit den Kindern da unten im Hof zu reden und zu spielen. Aber wie das halt so ist bei Kindern, alles was verboten wird, lockt erst richtig.
Eines Tages, wir waren noch immer nicht fertig mit dem Umzug, sagte Mutti zu mir, wenn der Onkel Ignaz kommt, dann bleibst du heute bei mir. Ich wusste nicht was sie meinte und spielte mich oder las ein Buch. Gegen 14 Uhr kam dann Onkel Ignaz, er war immer froher Dinge, obwohl er Fürchterliches unter den Nazis mitgemacht hatte, erzählte mir immer Onkel Walter wenn von ihm die Rede war. Wie ich hören konnte, sollte er heute in der Küche einen Ablagetisch bauen, dazu hatte er einiges Material mitgebracht.
Wir Kinder spielten im Wohnzimmer und Mutti und Onkel Ignaz waren in der Küche. Man hörte sägen, klopfen und immer wieder Stimmen, aber nicht sehr deutlich. Nur einmal hörte ich Mutti sagen: „Nazl hör jetzt auf damit, sonst sag ich es dem Walter“. Neugierig geworden, schlich ich mich in Richtung Küche und sah wie Onkel Ignaz der Mutti zwischen die Beine fassen wollte und sie ihn nur mit Mühe abwehren konnte. Da warf ich einen Ball in die Küche und lief hinterher und sagte zu Mutti: „Dürfen wir in der Küche spielen und dem Onkel Ignaz beim Basteln zuschauen ?“ Ja wir durften.
Dann kam auch noch die Nachbarin, die Frau Lorenz vorbei und Mutti sagte zu mir:
„Geh hinunter zur Milchfrau und hole einen halben Liter Milch und 4 Gebäck, aber beeile dich ohne zu laufen und rede nicht mit den Kindern“. Wir wohnten im fünften Stock der Stiege 4 in diesem Gemeindebau. Ich war ja ein Floh und hüpfte wie ein Ball die Stiegen hinunter und in einem Karacho durch den Hof Richtung Ausgang der Wohnhausanlage. Ja und dabei übersah ich anscheinend eine Stufe und stürzte und fiel dabei mit dem Kopf genau auf eine der Eisenstangen des Eingangstores. Ich wusste gar nicht wo ich zuerst hinschauen und hin greifen sollte, denn alles tat mir weh. Und plötzlich war er wieder da der graue Mann und mobilisierte sofort ungeheure Kräfte in mir, kam mir zumindest so vor.
Was aber wirklich gewesen war kann ich nicht mehr sagen, denn ich schleppte mich danach mit einer riesigen und blutigen Beule am Kopf zur Milchfrau, wo ich erst die abgeschundenen Schuhe und meine blutigen Knie sah. Viele Hände hatten mich vorher schon berührt und das arme Kind gefragt, ob es sich nicht weh getan hatte. Kind schüttelte verneinend den Kopf. In meinen Händen hatten sich auch einige Steine eingegraben und schmerzten. Mit der Milch und den Semmeln machte ich mich hinkend auf den Rückweg und als ich Stock für Stock hinauf schlich begegnete mir noch mehrmals der graue Mann. Ich hielt kurz inne und kämpfte mich weiter empor. Der Schrecken von Mutti war groß als sie mich so sah und alle drei Erwachsenen bemühten sich sofort um mich. Onkel Ignaz rannte sofort in die Apotheke, holte Wundbenzin und etwas zum Desinfizieren. Am schmerzhaftesten allerdings war die Entfernung der kleinen Steine mit der Pinzette aus meinen Händen. Am Kopf wurde mir andauernd ein kalter Waschlappen aufgelegt und immer wieder getauscht.
Beim Weggehen sagte der Onkel Ignaz noch zu Mutti: „Sag dem Walter, er soll mit dem Buben zum Arzt gehen“. Der tat dies auch, der Onkel Doktor gab mir auch eine Spritze und einen Pass, schaute sich noch die restlichen Wunden an und meinte wir sollten in zwei, drei Tagen nochmals vorbeikommen. Allerdings war mit der Spritze irgendetwas nicht in Ordnung, denn am Heimweg bekam ich lauter Pusteln im Gesicht und auf den Händen und kämpfte mit der Atemluft. Onkel Walter ging mit mir sofort zurück zum Arzt. Der schlug die Hände über dem Kopf zusammen, gab mir 3 Zuckerln und 2 Injektionen und sagte etwas von allergischer Reaktion auf Rindertetanus und gab mir Pferdetetanus, wenn ich mir das noch gemerkt habe.
Noch mehrere Tage hatte ich Kopfschmerzen und mehrmals noch Besuch vom grauen Mann. Schön langsam verlor ich die Angst vor ihm, aber geheuer war er mir trotzdem nicht.
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Er war mir in den vergangenen Jahren nicht abgegangen, der graue Mann. Immer wieder habe ich festgestellt, wenn ich an den grauen Mann dachte, dann kam auch der Geruch von der Salbe im St. Anna Kinderspital in die Nase. Eigenartig.
Es war wieder einmal Sommer. Hinter unserem Gemeindebau war gleich ein Fußballplatz und rundherum war nur „G’stettn“, wie man bei uns sagte. Da wuchs ganz wild alles was Gott und der Wind so durch die Gegend blies. Ich war damals gerade am Kleintiertrip, d.h. alles was kleiner als eine Maus war, war für mich interessant und so hüpfte ich auf der Wiese herum, mal dies und mal jenes begutachtend. Immer mit dabei war ein Blechdöschen, in welches ich dann meine Fundstücke hineingab und mit nach Hause nahm, zur allgemeinen Freude meiner Mutter.
Und so war es auch an diesem Tag. Ich kroch auf der G’stettn herum, verschwand zwischen mannshohen Distelstauden und es summte und brummte um mich herum, dass es eine helle Freude war. Ganz verrückt war ich ja nach Eidechsen und Salamandern, aber die waren ja so schnell und seit ich unlängst einen erwischt hatte, mir aber nur ein Stück Schwanz zwischen den Fingern verblieb, war meine Euphorie diesbezüglich ziemlich abgeflacht. Und so verfolgte ich mit großem Interesse was da am Boden, in der Luft und erst an den Sträuchern alles unterwegs war. Die vielen Formen und Farben und, und, und.
Da war es dann plötzlich, ein wimmerndes, ein jammerndes Geräusch. Ich hielt inne und versuchte mich zu orientieren, woher das Geräusch denn kam und so ging ich langsam, kleine, sehr kleine Schritte machend auf das Geräusch zu. Und plötzlich lag er vor mir, ein russischer Soldat. Zusammengekrümmt, stöhnend und überall Erbrochenes. Wahrscheinlich wieder so ein besoffenes russisches Schwein wie unsere Hausbesorgerin, die stinkende Hlavaczek, immer sagte. Denn im und rund um den Gemeindebau war sie oft genug damit beschäftigt die Hinterlassenschaften russischer Einsamkeit zu beseitigen.
Der Mann da krümmte sich vor Schmerz, presste die Hände gegen den Bauch und jammerte, was das Zeug hielt. Trotz der jämmerlichen Figur die er da machte sah er aber gar nicht so unmenschlich und wild aus und dann sagte er ein paar Worte die mich erschaudern ließen, für mich klang das nach: Chilfe, ich werde sonst tot sein.
Und wie vom Blitz getroffen sah ich auf einmal den grauen Mann. Er schlich da oben vorbei und auf einmal fiel mir ein: tot sein, sterben, Novotny. Ich dachte kurz nach und sagte zu ihm: ich hole Hilfe. Und anstatt etwas zu antworten, kam schon der nächste Schwall Erbrochenes. Ich lief weg, es waren zwei oder drei Gassen bis hinunter zur Waldgasse und da war eine Polizeiwachstube. Ich war aber noch nie bei der Polizei und so ging ich außer Atem vom Laufen und pochenden Herzens hinein. Mehrere Polizisten waren da und fast wie im Chor fragten sie mich: Na Burscherl was gibt’s denn? Und ziemlich stockend, weil ziemlich aufgeregt, erzählte ich von meinem Fund, auch da war die erste Reaktion: na wahrscheinlich besoffen, des russische Schwein und als müsste ich ihn verteidigen sagte ich dann noch, dass der Soldat nicht wie die Anderen aussah und gesagt hat, er stirbt. Da sagte einer aus der Riege von Polizisten: Komm wir schauen uns das an und ihr rufts die Rettung und auch die Kommandatur an. Komm gehen wir.
Auf Anhieb fand ich den Platz, aber der Soldat war weg. Aber nicht weit, denn anhand der deutlichen Spuren die er hinterlassen hatte fanden wir ihn 10m weiter, am Bauch liegend und mit einer Pistole in der Hand. Bleib stehen, sagte der Polizist zu mir, hob ein paar kleine Steinchen auf und warf sie in Richtung des Soldaten. Doch dieser gab kein Lebenszeichen von sich und sofort kam meine Frage: Ist der tot ? Der Polizist zuckte mit der Achsel, nahm ein paar größere Steine und warf sie Richtung Soldat, aber keine Reaktion. Wir gehen nicht näher, sagte der Polizist zu mir, wegen der Spuren.
Da hörte ich sie, zuerst Stimmen, russische Stimmen und plötzlich waren sechs Russen da. Davon fünf, die sahen aus wie sie Frau Hlavaczek sie immer beschrieb, schlimm, ungepflegt, aufgedunsenes Gesicht und ziemlich stinkend. Der sechste hatte eine Schirmmütze und war sehr gepflegt und sprach auch Deutsch. Er sagte einen russischen Namen und meinte er werde den Mann mitnehmen. Der Polizist sagte darauf nur: ist gut Kamerad und das war es. Zuerst nahmen sie dem Soldaten die Waffe weg, hoben ihn auf und ab ging die Post. Und während sie im mannshohen Dickicht verschwanden, sah ich kurz aufblitzen, den grauen Mann. Ich hörte dann nur noch einmal Erbrechen, lautes Geschrei, aber dann war der Spuk auch schon vorbei.
Der Polizist sagte dann noch zu mir: So Burscherl und jetzt sagst mir noch wie du heißt und wo du wohnst. Ich gab ihm Antwort und mit einem Kopfstück und einem: Brav hast du das gemacht, war die Szene abgeschlossen.
Ein paar Tage waren bereits vergangen, eigentlich hatte ich die Sache ja längst vergessen, obwohl ich sie, so glaube ich zumindest an die hundert Mal erzählt hatte.
Ich kam gerade von der Schule, da stand der Soldat vor unserem Gemeindebau und als er mich sah, da lachte er und rief erfreut aus: da bist du ja mein Retter. Er drückte mir ein paar Tafeln amerikanischer Schokolade, ist besser als russische, in die Hand und redete auf mich los. Ich verstand nichts. Ich hörte immer nur, er freue sich so sehr, Leben gerettet, Dank, ich bin wie sein eigener Sohn. Unendlich lange hat es gedauert, bis er bemerkt hat, dass ich nichts von all dem verstanden hatte. Also das Ganze noch einmal von vorne und sehr, sehr langsam und jedes Mal, wenn ich genickt habe, hat er weitererzählt.
Also er hatte eine Eisvergiftung, er hatte viel zu viel Eis gegessen und darunter ein Schlechtes, ich habe ihm das Leben gerettet, ich sei wie ein Sohn für ihn und ab heute sein Freund. Wann immer ich etwas brauche, soll ich zu ihm kommen und drückte mir einen Zettel in die Hand und erklärte mir, wie ich zum Theresianum kam. Dann fuhr er mir noch einmal durch die Haare, redete dauernd etwas von mein Freund und dann ging er zu einem russischen Auto und war er wieder weg.
Ich sah ihn noch ein paar Mal, er fragte immer ob es mir gut geht und warum ich nicht zu ihm komme.
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Lange Zeit verbrachte ich unbehelligt vom grauen Mann, doch dann kam der 17.10.2001. Diesen Tag, den ich heute so als meinen 2ten Geburtstag, im wahrsten Sinn des Wortes, bezeichne.
All die Dinge die da in mir und um mich passierten, habe ich ziemlich genau in WARUM GERADE ICH ? in meinem Blog in zwei Teilen beschrieben. Daher will ich hier nicht noch einmal davon erzählen, aber auch da hatte es ganz kurz den Anschein als würde der graue Mann kommen.
Er wurde jedoch von einer kurzen Bewusslosigkeit von vor der Abfahrt bis kurz nach dem Eintreffen ins Spital verdrängt. Mir wäre es lieber gewesen ich hätte ihn gesehen.
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2004. Auch so ein Erlebnis, welches ich eigentlich missen möchte. Aber es ist, wie es ist geschehen, doch warum der graue Mann auftaucht verstehe selbst ich nicht. Doch abgesehen davon, dass man mir die Luftröhre angesägt hatte und ich daher auf der Intensivstation lag, geschahen rundherum ein paar Dinge, die ich so im Nachhinein betrachtet, nicht auf die Reihe bringe. Und irgendwo da zwischen diesen Ereignissen tauchte er einmal kurz auf der graue Mann und wurde spontan von zwei Schwestern, einem Katheder und einer Harnflasche ersetzt. Irgendwie war mir kalt während ich da so lag, obwohl die Heizung mir verriet, dass sie an war und ordentlich Wärme abgab. Mich fröstelte trotzdem. Zu allem Überdruß der Runde um Runde drehende Motorradfahrer, der sich nachträglich als das Geräusch einer Absaugpumpe einer anderen Patientin herausstellte. Schon da wurde mir etwas komisch, als mir die Krankenschwester verriet wer wohl mein Motorradfahrer tatsächlich war. Die vielen anderen Geräusche die von den anderen Intensivbetten ausgingen, die bei allen möglichen Parametern Infosignale in Licht und Hupenform von sich gaben und ich mittendrin schlaflos und aufgedreht und mit einer fühlbaren Blase wie ein Medizinball. Und irgendwo da zwischen all diesen Elementen tauchte ganz plötzlich und überraschend der graue Mann auf. Überdimensional und irgendwie unwirklich erschreckte er mich und holte mich urlötzlich wieder zurück und ich spürte die Hand der Schwester auf meinem Schenkel und wie sie sagte: „Probieren wir es noch einmal, wenn‘s nicht geht muss ich die Ärztin rufen und sie kriegen halt einen Katheder“. Also probieren wir es halt, aber leider.
Die Ärztin kam, erzählte mir eine beschwichtigende Geschichte und legte währenddessen ihre sehr warmen Hände auf meinen Bauch und fast wäre ich nicht mehr aus dem Bett und an die Flasche gekommen. Insgesamt verliessen mehr als 4,5 Liter Flüssigkeit innerhalb kürzester Zeit meine Blase. Irgendwie ging auch sonst etwas Seltsames in meinem Körper vor, die Kälte entwich spürbar, der untere Teil meines Leibes füllte sich wieder mit Wärme und all diese Geräusche traten mehr oder minder in den Hintergrund. Innerhalb weniger Minuten war ich dann auch noch eingeschlafen und wurde erst morgens zum Frühstück geweckt. Nach insgesamt neun Tagen – mehr als doppelt so lange als gewöhnlich – durfte ich nach Hause.
überaus interessante blickweise zu dem „grauen mann“, den ich wohl eher als dr. tod, als sensenmann oder den bayrischen borndlkramer sehe…
Nun, ich würde dies heute auch so sehen, aber mir irgendwie fremd, dass ich den Tod sehen kann und diese Dinge sind keine Spinnereien sondern genauso und mir passiert.
nun, manche menschen haben besondere fähigkeiten. deine scheint leider zu sein, eben den grauen mann sehen zu können.
um ehrlich zu sein: du bist darum nicht zu beneiden.
Erinnert mich an die „Mothman Prophecies“ mit Richard Gere und nach einer wahren Begebenheit verfilmt.
Ich finde das nicht gruselig. Was passiert mit unserer Lebensenergie wenn wir gehen? energie kann nicht aus einem geschlossenem System entweichen. Das Universum ist ein geschlossenes System und alle darin enthaltene Energie bleibt immer in irgendeiner Form enthalten, bloß nicht immer in der selben. Da auch Bewustsein eine Energieform ist, wäre es doch gut denkbar, das, vorrausgesetzt der bewußte Wille ist stark genug, nicht einfach in andere energetische Bestandteile receycelt wird,sondern einen Weg findet außerhalb weiter zu existieren. Möglicherweise ist das Leben sowas wie eine Ladestation um den Bewußtseins-Akku wieder aufzuladen…nur so ein Gedanke der mir kam nachdem ich ein Buch von Rupert Sheldrake über das Gedächtnis der Natur gelesen habe…eine wissenschaftliche Hypothese mit Bewußtseinserweiternder Wirkung.
LG, Anima